Wenn Junggesellen feiern...

,,Eintracht Grün-Weiß ViIIip"

Der Junggesellenverein Villip wurde im Jahr 1896 gegründet. Nachdem das Vereinsleben jahrelang ruhte, wurde es im Jahre 1994 mit der Maisteigerung wiederbelebt. Im September 1995 trafen sich über 20 Junggesellen, um den Verein offiziell weiterzuführen. Die Aktivitþten gelten der Maiversteigerung, dem Maiansingen (gemeinsam mit dem MGV Villip), dem Dorffest am 1. Mai mit Errichten des Orts-Maibaums, Biergarten, Umzug mit Musik, Kutsche und Fahnenschwenken. Ferner der Kirmes, (Bierpavillon) mit dem Zacheies-Verbrennen, der Teilnahme am Karneval und anderen Ortsfesten. Das Mindestalter für die Mitgliedschaft beträgt 16 Jahre.

Nachfolgend etwas zur Geschichte der Junggesellenbräuche

2. Maiversteigerung

Bei der Maiversteigerung werden die unverheirateten jungen Frauen eines Ortes den Junggesellen für eine bestimmte Zeit als ,,Lehen übertragen". Dies kann geschehen durch Ausrufung, Verlosung oder Versteigerung. Bei der Maipaar-Bildung in Form der Maiversteigerung -die heute weitgehend übliche Form -wird der Höchstbietende Maikönig, die Ersteigerte Maikönigin.

Vom Lehenausrufen zur Versteigerung

Die Herkunftsdeutungen der Mai(lehen)versteigerung verweisen auf den vorfastenzeitlichen Familienbrauch des Lehenausrufens sowie auf soziale Kontrollformen zur Partnerschaftsfindung in dörf Iichen Lebenswelten. Die Vorformen dieses ,, Lehens" -Brauchs finden sich im 16. Jahrhundert. Der Kölner Ratsherrr Hermann von Weinsberg schildert in seinern Aufzeichnungen - ,,Buch WeinsbergÒ - das Lehenausrufen als fastnachtlichen Familienbrauch, an dem sich auch Verheiratete beteiligten: ,,Im 16. Jahrhundert wurden am letzten Karnevalstag die Namen der Familienmitglieder, verheirateter wie unverheirateter, nach einer geheim gehaltenen Liste als Paare durch eine geschlossene Türe gerufen und zugeteilt. Für die Mädchen ergab sich daraus die Verpflichtung, am Rosensonntag (Sonntag Laetare zum Mitfasten) den zugeteilten Männern oder Jünglingen das Lehen in Form einer Bretzel zu schicken. Umgekehrt waren die Beschenkten am Maitag gehalten, ihrem Mädchenlehen, "den Mei" einen "maikneildranck" (eine Art Glühwein mit Zimt) oder Wein zu schicken und zu schenken. Jedesmal kam man an solchen Geschenktagen zum Feiern zusammen. Im außerstädtischländlichen Bereich erfuhr der Brauch eine Umformung zu einem öffentlich geübten Brauch (öffentliches Lehnausrufen im Wirtshaus oder auf einem Dorfplatz, öffentliche Zusammenkünfte der Paare...> der Mädchenvermittlung durch Burschenschaften (Junggesellenvereine). Die unverheirateten Burschen schlossen sich zu einem ,,Gelage" oder einer ,,Gesellschaft" zusammen und teilten die Mädchen durch Los unter sich. Aus dem Lehnausrufen entwickelte sich die Lehnversteigerung. Den Vereinen bot sich mit dieser Form der Mädchenzuteilung die Möglichkeit, die Vereinskasse aufzufüllen und damit die Brauchaktivitäten immer festlicher zu gestalten.

Dörflicher Moralcodex und Binnenheiratsmarkt

Der Brauch diente ursprünglich dazu, den Jugendlichen in der einstigen Abgeschlossenheit des dörflichen Lebensraumes mit ihrer starken sozialen Kontrolle durch die Erwachsenen Möglichkeiten zu partnerschaftlichen Beziehungen einzurþumen. Der Junggesellenverein war Zweckgemeinschaft, sich im Einklang mit der dörflichen Moral auf Partnersuche zu begeben. Das Lehen-Verhältnis gab den jungen Leuten die Gelegenheit, sich übers Jahr zu bestimmten Gelegenheiten zu sehen und sich unter den Augen der Dorfbevölkerung kennenzulernen; es schuf klare Verhältnisse unter den Jugendlichen. In älterer Zeit gab es im Köln-Bonner Raum auch das was man in Oberbayern als ,,Fensterln" bezeichnet: Das ,,Schlut gehen".,, Schlut" leitet sich ab von dem dicken, aus Stroh gefertigten Helm, den sich die jungen Burschen aufsetzten, um beim Ersteigen der Leiter zum Fenster der Liebsten vor eventuellen Schlägen auf den Hinterkopf gefeit zu sein. Die Quellen verraten uns leider nicht genau, was die jungen Burschen und Mädchen in der Heimlichkeit der Mainächte getrieben haben. Aber vermutlich dienten die nächtlichen Besuche dem Vollzug des Geschlechtsaktes. Kam es zur Schwangerschaft, wurde das Verhältnis des Maipaares legalisiert. - Übrigens: Das Schlutgehen oder Fensterln hat eine trendgemäße Variante, ,,Windowing" heißt heute der Gefahr, Spannung und Lust versprechende Weg zum Objekt der Begierde. Der ursprüngliche Sinn der Maibräuche zeigt sich in der Logik einer bäuerlichenländlichen Gemeinschaft: Die jungen Burschen und Mädchen des Dorfes, die sich gewissermaßen zu Probeehen zusammenfanden, folgten nicht nur dem eigenen Lustbedürfnis, sondern auch einem Ritual, das den dörflichen Heiratsmarkt regulieren und aus ökonomischen Zwängen Binnenheiraten herbeiführen sollte.

Ein frauen feindlicher Brauch?

In den Mailehenbrauch eingeschlossen waren - und sind es noch heute - Rügebräuche, die das Verhalten der Mädchen gegenüber dem Maibrauch, ja den Lebenswandel der Mädchen verurteil(t)en. ,,Unter der starken öffentlichen Kontrolle mu§te frau stolz sein, ersteigert zu werden, sonst war es mit dem eigenen Ansehen vorbei. Für jedes Mädchen bedeutete es eine soziale Katastrophe, wenn die Jungen Ñ ganz in legitimierender Anpassung ihrer Aktivitäten an die bestehende Moral ihm einen Schandmaien (Kirschen, Dornen, vor die Haustüre setzten, weil es wegen einer Normüberschreitung oder auch nur aus mangelnder Bereitschaft zur Teilnahme an den Junggesellenaktivitäten in Mißkredit geraten und daher nicht ersteigert worden war." Die einstmals in den Siebengebirgsortschaften geübten Rügebräuche schildert Ferdinand Schmitz: ,,Für manches Mädchen aber war der Maiabend ein Abend der Furcht, es möchte am anderen Morgen die aufgehende Maiensonne seine Schande beleuchten. Denn am Maiabend war es auch, wo das Volk über Leben und Wandel der Jungfrauen und Frauen zu Gericht zu sitzen pflegte. Derjenigen, welche keinen guten Leumund hatte, wurde Häcksel vor die Thüre und weit die Strasse entlang gestreut, oder ein wilder Kirschbaum an die Thüre gestellt, dem man die Blätter abgestreift und manchmal auch gar die Rinde abgekratzt hafte, als sei er gänzlich abgenutzt. Der Klatschbase setzt man ein Espenbäumchen ans Haus und wenn sie es gar zu toll getrieben hatte, so hing man noch eine Holzklapper hinein. [.1 So deckte vor Alters das Volk verborgene Schandthaten auf und stellte sie an den Pranger." Und er fügt hinzu.,, Freilich mögen manchmal auch die Urteile in hohem Grade ungegerecht ausgefallen sein; wenigstens kommt es in neuerer Zeit häufig vor, dass ein roher Bursche einem braven Mädchen Häcksel streut, weil sie ihn abgewiesen hat, wegen seines Wandels, der allemal Häcksel verdient hätte." In diesem Zusammenhang ist die Frage zu stellen: Ist die Maiversteigerung ein frauenfeindlicher Brauch? In jüngster Zeit ist hierzu beispielsweise die Meinung zu hören.,, Wenn die männliche Jugend noch auf die gleiche verachtende Weise die Versteigerung zum Spott über die jungen Frauen nutzt, sollten diese mal darüber nachdenken, ob sie unter solchen Umständen noch bereit sind, an einem Brauch teilzunehmen, der nur von der männlichen Seite getragen wird oder ob es nicht vielleicht an der Zeit wþre, daß die Frauen anfangen, die Junggesellen zu ersteigern. Tatsächlich ist dies vor ein paar Jahren in Fritzdorf so geschehenl

Mailehen und Obrigkeit

Der Mailehenbrauch war für die Obrigkeit nicht um jeden Preis tolerierbar, sie reagierte immer wieder mit strengen Verordnungen. Kurfürst Clemens August wandte sich im 18. Jahrhundert gegen die Burschen, die ,, nach denen Sonn- und Feyertägen heimlich au§ ihren Häusern schleichen, und, um ihren so genannten Lehen nachzugehen, an denen Fensteren, so gar Ÿber die Tächer in die Häuser hinein zu steigen sich freventlich unterstehen thuen, so daß inner bemelten Nächten ein junger Purst selten zu Hau§ in seinem Beth anzutreffen" Die Verordnung drohte fŸr das erste Mal, wo ein junger Bursche beim ,,Schlut gehen" erwischt wurde, mit einer Strafe von drei Goldgulden' beim dritten Mal war mit einer Woche Festungshaft in Kaiserswerth. Zur ,,Versittlichung" des Maibrauchs kam es im Verlaufe des 18. Jahrhundert durch eine Art freiwillige Selbstzensur der Betroffenen. Beispielsweise erbietet das Statutenbuch von Plittersdorf im Jahre 1737 den Junggesellen, ,,daß keiner sich wird finden lassen bei den Jungfrauen, auch daß er sie in ungebührlicher Weise angreifen thäte". Auf das sichtliche Schlutgehen ganz konkret bezieht sich das Statutenbuch der Junggesellen von Impekoven sis dem Jahr 1793: ,,Es wird uns Junggesellen und einem jeden kundt und zu wissen gedahn, das auf vielen Dörfern viele freventliche und vermessene Unheile durch verführliche Liederlichkeit der Tugend viele junge Burschen in Unglück geraten... Unmäßige und ungebührliche Aufruhr und ,Nachtschwärmerei soll bei Junggesellen zur Selbstbestrafung ganz ausgeschlossen und verboten sein. Bei den obrigkeitlichen Einlassungen mag durchaus eine Sorge um das soziale Ansehen der betroffenen Mädchen im Vordergrund gestanden haben, so beispielsweise in dem Schreiben von 1851 des Gemeindevorstehers von Troisdorf an den Bürgermeister von Siegburg.,, Am letzten Apriltage, des Abends nach den Polizeistunden, wird alljährlich erselbst von den jungen Leuten des Dorfes in seinem Wirtshause, in welchem Branntwein verabreicht wird, eine Verhandlung gepflogen, auf welche Euer Hochwohlgeboren Aufmerksamkeit zu lenken ich aus polizeilichen Rücksichten mich verpflichtet halte. Die Verhandlung, von den jungen euten Mailehen-Schreiben genannt, besteht darin, da§ die genannten jungen Leute die erwachsenen ,,Iädchen des Ortes gewissermaßen unter sich einer öffentlichen Versteigerung ausstellen, und sie dem Meistbietenden mit gewissen durch das Herkommen von ihnen beobachtet werdenden Rechten zuschlagen. Der aus dieser Versteigerung gewonnene Erlös wird alsdann von ihnen in dem Wirtshause, in welchem die Handlung vorgenommen wird, verzehrt. Daß dieses Geschäft eine reiche Gelegenheit biethet, um gewisse, ihnen mißliebige Mädchen dem öffentlichen Spotte und Hohngelächter Preiß zu geben und durch übermäßigen Genuß von Branntwein lärmende Störungen der Nachtruhe herbei zu führen, brauche ich wohl kaum zu sagen"

Neue Brauch-Funktionen

Der Mailehenbrauch hat sich im Rheinland über Jahrhunderte bis in die Gegenwart gehalten. Er hat vor allem im Köln-Bonner Raum oder an der Ahr seine Hochburgen. Für den jungen Mann war die Maipaar-Bindung oft mit genau definierten Pflichten wie regelmäßigen Besuchen im Haus des Mädchens, Ausführen zum Tanz im Mai und während des Jahres verbunden. Der Brauch ist heute weitgehend funktionslos geworden, bzw. hat einen Funktionswandel erfahren, denn die ursprüngliche Bedeutung ist weitgehend verloren gegangen, die Maiversteigerung mit den Anschluss-begehungen (Maiball, Maibaumsetzen, Maiumzüge) sind weitgehend in spielerische Formen mutiert. Traditionspflege, Attraktivität, ldentitätssuche und Kommunikation sind u.a. heutige Beweggründe, weiter zu machen oder Ð wie beispielsweise in Villip - die Maiversteigerung wiederaufleben zu lassen. Identität, weil es lokales Selbstvewusstsein und Repräsentation des Ortes fördert; Traditionspflege, weil man der Jugend eine Verpflichtung gegenüber ,,altem BrauchtumÒ einredet, aber auch, weil die Jugendlichen sich darauf besinnen, alte Werte zu erhalten; Attraktivität, weil festliche Umzüge in bunten Farben, Tanz und Geselligkeit den Bedürfnissen nach einer ,,heilen WeltÒ entgegenkommen und Spa§ machen. Letztlich schaffen die Maibräuche in einer Ñ selbst im dörflichen Alltag Ñ zunehmend anonymer werdenden Welt Kommunikationsbezüge und Heimatverbundenheit.

Maienstecken

In der Mainacht stecken die jugendichen Liebhaber ihren Mädchen ein meist geschmücktes Bäumchen ans Haus. Schon aus dem 13. Jahrhundert gibt esBelege dafür. dass man den Frühling mit grünen Zweigen begrüßte; dies galt wohl schon damals als ein Liebeszeichen. Vieles spricht dafür, dass dieser Brauch aus dem höfisch-ritterlichen Bereich stammt, aber bereits im 14. Jahrhundert allgemein in Übung war. Im 16. Jahrhundert bezeugt das Weltbuch des Sebastian Franck das Aufsetzen von Maibäumen zu Ehren der Mädchen: ,,Zu dieser zeit stecken die baurenknecht grosse hohe tannenbeum biß auff den gipffel außgeschnitten, in die dörffer, mit spiegeln und krantzen gezieret, und in die gipffel oben gehenckt, und lassen den mit grosser müe eingegrabenen, yrer metzen zuo er, den gantzen summer steen. Dass es an Verboten nicht fehlte, braucht nicht betont zu werden. Kurfürst Clemens August bestimmte im Jahre 1759, das ,,Mayen-Setzen vor denen Häusern soll ohne Ausnahm gänzlich verboten seynÒ. Die Vorschrift sollte dem Schutz des Waldes dienen. In diesem Sinne äu§erten auch Forstleute ihre Bedenken. Heute bieten Waldbesitzer, das Forstamt Bonn Kottenforst-Ville und andere Forstverwaltungen Maibþume zum legalen Erwerb an, um wildes Abholzen zu verhindern.

Maiversteigerung und Maienstecken im Wachtberger Land

In Villip werden alle Mädchen im heiratsfähigen Alter ab 16 Jahren versteigert. Die Junggesellen haben als erster Verein eingeführt, dass die Mädchen Fotos von sich anfertigen, da sich die Leute im Dorf eher vom Sehen kennen als mit Namen. Generell wird 1 DM in 10 Maimark umgerechnet. Die Versteigerung beginnt bei 50 Maimark, wenn keiner bietet, geht die Frau in den so genannten Ramsch. Unmittelbar nach dem Zuschlag fŸr das Maikönigspaar pilgern die Hagestolze zur Wohnung der neuen Majestät, um mit ihr bis in die frühen Morgenstunden zu feiern. In den folgenden Tagen erfolgt das private Maienstecken der organisierten Junggesellen und der männlichen Dorfjugend, es geschieht meist in der Nacht zum 1. Mai. Die Mailehenbäume sind geschmückte Birken. Maiwachen kontrollieren, dass Jugendliche, die nicht beim Versteigern mitgemacht haben bzw. die von auswärts kommen, in ihrem Ort keinen Maibaum setzen. Wegsperren verhindern gegebenenfalls unter Kettensägen-Einsatz den Baumtransport Ñ es sei denn, die Betreffenden lösen sich durch einen oder mehrere Kästen Bier aus. Allerdings kann es auch zu gefährlichem Streit kommen, wie in der Mainacht 2000 zwischen 15 jungen Männern des Junggesellenvereins VilIip und einem fremden Autofahrer. Dieser hatte einen Maibaum dabei, war aber nicht bereit, den ,,dem Brauchtum entsprechenden WegzollÒ zu entrichten, sondern fuhr nach einem Schluck aus der Bierflasche mit seinem Fahrzeug an und verletzte mehrere Junggesellen. Auch Rüge-Bäume sind heute noch üblich. Waren dies früher meist Kirschen, ,,weil auf ihn so viele Vögel fliegen, um darauf zu pickenÒ, stellt man heutzutage ,,SchlampenÒ einen Nadelbaum hin, oder man nimmt verkrüppelte, unansehnliche Birken. Die Junggesellenvereine stellen auch den Ortsmaibaum auf, in Villip beispielsweise am Maifeiertag selbst, u.a. um das tage- bzw. nächtelange Bewachen des Maisymbols sich zu ersparen, und gestalten das Maifest, ansonsten übernehmen andere Vereine das Maibaumsetzen und Maiansingen. Der Maibaum ist heute meist eine Fichte, aber auch die Birke kommt noch vor.

3. Fahnenschwenken

In seiner Erzählung ,,MargretÒ schildert der 1815 in Oberkassel (Bonn) geborene Gottfried Kinkel ein Schützenfest, das er an der Ahr stattfinden lässt. Er muss das Fahnenschwenken wohl in seiner Jugendzeit selbst erlebt haben, so anschaulich und wirklichkeitsgetreu beschreibt er die Darbietung des Fähnrichs: ,,Um 11 Uhr, nach dem Hochamte, begann der Fahnenschwenk. Paarweise zogen die Schützen zur Kirche und holten die seidene Fahne mit dem Bilde der Maria ab. Der Fähnrich trat gleich hinter die Musikanten; dann folgte der SchŸtzenkšnig des vorigen Jahres, dessen Ehrenregiment nun zu Ende ging, und hinter ihm die anderen Schützen, deren jeder insgeheim hoffte, heut an seine Stelle zu treten. Auf dem Hauptplatz unter der Linde angekommen, stellten sich die Jünglinge in einen Kreis, um welchen die Masse der übrigen Dorfbewohner wogte. Der Fähnrich trat in die Mitte: es war ein stattlicher Bursch mit hübschgekräuseltem Schnurrbart; er trug das blaue Barett mit Drei Federn und die breite weißseidene Schärpe. Trommel und Pfeife spielten eine alte muntere Xeise: nach ihrem Rhythmus erhub er die Fahne in die Luft. schwang sie über dem Haupte, dann stemmte er den Schaft in die Seite und ließ das fIatternde Banner mitten um seinen Leib in weitem Kreise rauschen, dreimal rechts, dreimal links herum. Hierauf erhub er den Fu§, und um das Knie des anderen beschrieb die Fahne, dicht am Boden herwehend ohne ihn zu berühren, ihre rauschenden Kreise; auch um den rechten Fu§ fŸhrte sie sodann die andere HandÔ während der linke sich erhub sie durchzulassen. Zuletzt noch einmal wogte das Banner unter dem jauchzenden Zuruf der Massen in fester Faust hoch in die Lüfte über dem Haupte des Starken.Ò Es wird wohl kaum mehr möglich sein, den Ursprung und das Alter des FahnenschwenkensÔ heute je nach Landschaft auch Fahnenschlag, Fähndelschwenken oder Fahnenspiel genanntÔ nachzuweisen. Sicher ist, dass dieses Fahnen-Spiel schon im frŸhen Mittelalter gepflegt wurde. Im Zeitalter der Söldnerheere kam der Brauch zur vollen Entfaltung und gelangte zu hohem Ansehen. Bbesonders die Junggesellenvereinigungen die Fahnenbräuche. Die Vielfalt der Formen und Schau eben den Schützenbruderschaften pflegen - darbietungen reichen vom sinnbildlichen Nachvollziehen der Fesselung und Entfesselung des hl. Sebastianus bis zu artistischen Fahnenpyramiden. Das Fahnenschwenken erfolgt bei vielerlei Anlässen in unterschiedlichen Formen: Das Fähndel wird bei-spielsweise zu Ehren eines hohen Gastes, eines Geistlichen oder eines Ortshonorars geschwenkt, im Gedächtnis und zu Ehren von Opfern der Kriege, über dem offenen Grabe eines Vereinsmitglieds, bei Maibaumsetzen und Maifest, bei Umzügen zur Kirmes und anderen Ortsfesten. Fähnriche und Begleiter spannen das Tuch vierhändig, wenn es gilt, ein junges Paar zu beglückwünschen, seien es das Maikönigspaar oder ein Hochzeitspaar. Häufig ist fŸr solche Paare auch ein Ehrentanz unter dem ausgespannten Fahnentuch obligatorisch. Und so war das Kirmes-Fahnenschwenken im Wachtberger Land um 1920 gebräuchlich, wiederum nach Bürgermeister Hackenbroch. ,, Es erscheint der Verein mit einer Musikkapelle vor dem Hause des zu Ehrenden und stellt sich mit den Zuschauern im Kreise auf. In den Kreis tritt der Fähnrich und schwenkt nach alter Sitte und schönem Brauch das Fähndel. Die Schläge, so hei§en die einzelnen Bewegungen, werden nach alter bestimmter Regel ausgeführt in der althergebrachten allgemein üblichen Reihenfolge oder nach besonderen Kunstschlägen. Nach dem Schwenken wird auf den damit geehrten Herrn und ,seine verehrten GästeÔ ein Hoch ausgebracht.Ò Junggesellen-Vereinigungen, vornehmlich aus dem Köln-Bonner Raum, von Ahr und Sieg, führen auch Schwenkwettbewerbe um Preise und Pokale sowie Meisterschaften durch. Bei dem Junggesellenfest der Fritzdorfer Maikirmes 1992 beispielsweise fand nach dem Festzug durch den Treppenbauerort das Preisfähndelschwenken um die Rheinlandmeisterschaft statt. Und anlässlich des Vereins-Jubiläums im Jahre 1994 wurde die neue Jubiläumsfahne geweiht und die Westdeutsche Meisterschaft im Fähndelschwenken ausgetragen. Diese überregionalen Meisterschaften der Junggesellen-Fähnriche gibt es seit Ende der 1940er Jahre.

7. Zacheiesverbrennen

Vielfältige Kirmesbräuche prägen den Festablauf in unseren Zeiten: Essen und Trinken, Tanz, Buden und Vergnügungsparks, Kirmes-Eröffnung und Kirmes-Beenden. Das Fest wird eingeleitet mit dem Ausgraben, Aufhängen oder Mitführen des Kirmessymbols: Kirmesknochen (Schädelknochen vom Rind), Kirmesbaum (geschmückte Birke) oder Kirmesmann (Zacheies, Schabaies oder Kirmespitter). Dieser ist aus einer Strohpuppe gefertigt, die während der Kirmestage an der Spitze des Kirmeszeltes, im Baumgeäst oder an der Gaststätte aufgehängt ist. Das Fest endet mit dem Begraben oder Verbrennen des Kirmessymbols. Der Zacheies symbolisiert wohl den biblischen Oberzöllner Zachäus. Nach der biblischen Überlieferung kletterte Zachäus in einen Baum, um Jesus besser sehen zu können, der ihn dann in seinem Haus besuchte. Das Evangelium von der Einkehr Jesu in das Haus des Zachäus (Lukas 19,1-10) wurde bis zur Liturgiereform in der Messe am Kirchweihfest vorgetragen. Die Benennung des Kirmesmannes geht auf die frühe Neuzeit zurück. Wickrams ,, RollwagenbüchleinÒ von 1555 verdeutlicht den Bezug: ,,Also predigt man vom Zacheo aauff allen Kirchweihen, niemandt aber volget jm inn den Wercken nach.Ò Und in Johannes Agricolas Sprichwörtersammlung aus dem 16. Jahrhundert heißt es.,, Man findet, daß Zacheus geruomet wirt an der Kirchweyhel denn do er auff eynem Baum stunde/und wollte Jhesum sehen/ hie yhn Jhesus eylens herab steigen/und im eilen bleibt das niderkleydt am baum hangen/denn er hefte keyn hosen an/das niderkleydt henckt man noch au§, das ist die Kirmesfahne.Der letzte Kirmestag gehört auch im Wachtberger Land traditionell dem Zacheies. Der Kirmesschlussbrauch kann ein Strafgericht darstellen, dem die Hinrichtung folgt: Der Zacheies gerät in die Rolle des Sündenbocks, den die Junggesellen aller Vorkommnisse und Schandtaten beschuldigt, die während der Kirmes, ja während des verflossenen Jahres im Dorf geschehen sind. Aus Villiprott sind aufschlussreiche Texte zum Zacheies-Strafgericht aus den 1980er Jahren erhalten, worin der Zacheies beispielsweise wegen Raufhändel während der Kirmestage, wegen Verzögerung von Bauplänen, wegen Untreue und Vielweiberei angeklagt wird auch weil er ,,mit der gesamten Unterwelt gegen eine Fußgängerbrücke von Villiprott nach Villip protestiertÒ hat. In Villiprott ist der Zacheies-Kirmesbrauch Ende der 1980er Jahre zurückgegangen, nun führen ihn die Villiper Junggesellen fort. Sie ziehen mit einem Fackelzug durch die Straßen zum Gerichtsbogen, wo die Verhandlung und die Verbrennung des Zacheies stattfindet, der während der Kirmestage im Kirmespavillon gesessen hat. Dazu spielt das Tambourcorps auf, die Fahne wird geschwenkt.

Quelle: Alois Döring, Kay Künzel

Quellenverweis sh.: Festschrift 600 Jahre Drachenfälser Ländchen